Von außen betrachtet sieht der Job der Entwicklerin ziemlich langweilig aus. Kathleen, unsere Praktikantin, scheint nichts anderes zu tun, als konzentriert in einen Bildschirm zu gucken und irgendetwas in eine Tastatur zu tippen. Was der flüchtige Beobachter nicht weiß: Kathleen entwickelt gerade Superkräfte, um einem leblosen Stück Hardware besondere Fähigkeiten einzuhauchen. Und das fasziniert sie.

Kathleen ist 17 Jahre alt. Zwei Wochen lang ist die Gymnasiastin jeden Morgen 1,5 Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Oldenburg gefahren, um bei uns ihr Praktikum machen zu können. Nach dem Abi möchte sie Informatik studieren. Damit gehört sie einer immer noch sehr kleinen Gruppe junger Frauen an, die diese Fachrichtung für sich entdeckt haben. Gerade mal rund 20 Prozent der Informatikstudierenden sind Frauen, Tendenz nur sehr langsam ansteigend.

“Das sind immer noch viel zu wenige.” betont erminas-CTO Yvette Teiken. Der promovierten Informatikerin liegt viel daran, Mädchen für den Beruf der Entwicklerin zu begeistern. “Das Leben um uns herum wird vor allem von Männern digitalisiert. Ich wünsche mir deutlich mehr Ausgewogenheit.” Sie weiß, wovon Sie redet. Wenn ihr Professor den Hörsaal betrat, begrüßte er die Studierenden mit den Worten: “Hallo meine Herrn, hallo Yvette.” Sie war die einzige Frau im Raum.

Digitalisierung braucht Diversität

Digitalisierung verändert alles. Wenn wir sie nur Männern überlassen, wird das ohne böse Absicht zum Nachteil von Frauen geschehen. Wenn wir sie den älteren Entwicklern überlassen, wird das zum Nachteil von jüngeren Menschen geschehen. Und so weiter. Digitalisierung braucht Diversität, damit alle mitkommen und alle daran partizipieren. Wir brauchen digitale Gestalterinnen. Deshalb ist es wichtig, junge Mädchen für IT zu begeistern. Doch Frauen wählen immer noch öfter Berufe, die offenkundig sozial oder kreativ sind. Dabei kann man als Entwicklerin beides sein.

Breadboard mit LED gesteuert mit AmpelschaltungKathleen drückt die Enter-Taste. Neben ihrer Tastatur leuchtet auf einem weißen Kunststoff-Brett eine rote Leuchtdiode auf. Kathleen grinst. Das rote Leuchten signalisiert, dass sie alles richtig gemacht hat. Während Ihres Praktikums hat sie Grundlagen der Programmiersprache Python gelernt. Mit einem Raspberry Pi, einem Breadboard, ein paar Jumperkabeln, Widerständen und LEDs hat sie nun erfolgreich eine Ampelschaltung programmiert. Die Magie dahinter: Mit diesen im Praktikum erworbenen Skills könnte sie bereits Klimaanlagen in Raumstationen, Fütterungsanlagen in Pferdeställen und fliegende Regenschirme steuern.

IT-Jobs: Sozial und kreativ

“Ich mache das, weil ich neugierig bin.” erzählt Kathleen. “Ich interessiere mich dafür, wie Dinge funktionieren. Und das Wissen will ich später mit anderen Fähigkeiten verknüpfen.” Mit ihrem Vater hat sie mal ein bisschen mit einem Arduino herumgespielt und sich selbst ein wenig C beigebracht. Richtig begeistert hat sie dann unser Girls’ Day 2018. Mit fünf anderen Mädchen, mit Calliopes und einer Kunststoffkiste und viel Heißkleber hat sie damals einen Schulspind gebaut, der sich mit einem individuellen Schlüssel vom Calliope öffnen und schließen lässt.

Die Kombination aus praktischer Forschungs- und Entwicklungsarbeit und Programmieren hat Kathleen auch bei ihrem Praktikum fasziniert: “Ich war überrascht, dass ich nicht ständig nur am Rechner gesessen habe.” erzählt sie. Für einen Kunden musste ein erminas-Entwickler eine Messmethode entwickeln, mit der Löcher in einem Produkt gefunden werden können. Kathleen hat beim Versuchsaufbau assistiert und konnte sich einbringen. “Für mich war Informatik ‘Programmieren’ – jetzt weiß ich, wieviel mehr dahinter steckt.”

Und auch, dass man für das Verstehen und die Bedürfnisse von Kunden soziale Skills benötigt, ist ihr klar geworden. Wer also technisches Interesse hat, und eigentlich Kindergärtnerin oder Lehrerin werden wollte, könnte nach einem Informatikstudium zum Beispiel Spiele- und Lern-Apps entwickeln.

 

So viel mehr als Mathe

Das Problem: In ihrem Alltag kommen Mädchen kaum mit praktischen Digitalisierungsfragen in Kontakt. Während Jungs sich eher für die Technik und das Programmieren an sich interessieren, nicht zuletzt weil sie in ihrem sozialen Umfeld immer noch viel eher in technische Belange involviert werden, wird das Interesse von Mädchen in unserem Bildungssystem immer noch auf “typische Frauenberufe” gelenkt.

Es fehlen Lehrkräfte, die spielerisch digitales Wissen in ihre Schulfächer mit einfließen lassen können. Sogar im Religionsunterricht wäre das möglich, wie ein Schülerprojekt des Altonaer Gymnasiums gezeigt hat: Hier wurde die Frage, wie mit Digitalisierung Gutes getan werden kann, gestellt. In diesem Projekt entwickelten die Jugendlichen einen autonomen Transporttisch für Rollstuhlfahrer*innen. Aber auch ethische Fragen wurden behandelt.

Ganz häufig entwickeln Mädchen einen ganz anderen Zugang zu Digitalisierungsthemen, als Jungs. Während Jungs sich oft für die Technik an sich interessieren und sich dort akribisch hineinarbeiten können um zu verstehen, wie sie funktioniert und was sie dann damit machen können, stellen Mädchen oft zuerst die Frage nach dem Problem: Wie sieht die Vision des Ziels aus? Was ist die Aufgabe? Welche Frage möchte ich beantworten? Welches Problem möchte ich lösen? Was möchte ich erfinden? Was möchte ich gestalten? Wenn sie diese Fragen für sich beantwortet haben, suchen sie Wege, wie sie das Ziel erreichen können.

Foto: Sandra Schink/Körberstiftung

Dr. Yvette Teiken mit ihrem Team beim Entwickeln eines digitalen Blumentopfs mit Kindern auf der CodeWeek Hamburg.

Das Bild von Entwickler*innen in den Medien spiegelt selten wider, wieviel Möglichkeiten, Skills und Kreativität in der Digitalisierung stecken. Oft sieht man eben nur jemanden in einen Monitor starren und in eine Tastatur tippen. Dass das Informatikstudium ähnlich wie das BWL-Studium in allen Lebensbereichen Anwendung findet, das ist bisher nur wenigen wirklich bewusst.

“Deshalb nehmen wir am Girls’ Day teil und unterstützen auch bei Projekten wie Jugend hackt und der CodeWeek, bei denen großer Wert auf Diversität gelegt wird.” erzählt Yvette Teiken. “Wir können nicht darauf warten, dass gute Programmiererinnen einfach vom Himmel fallen.” Sie sucht immer nach neuen Kolleginnen, denn ihr Ziel ist ein ausgewogenes erminas-Entwicklungsteam.

Kathleen wird vielleicht wiederkommen, in ein paar Jahren, nach ihrem Studium: “Die familiäre und freundliche Atmosphäre hat mir sehr gefallen.” Wir würden uns freuen, Kathleen!

Weiterführende Links

AppCamps – Bei AppCamps gibt es kostenloses Lehrmaterial für Lehrkräfte und Schulen

Calliope Mini – Minicomputer für einen spielerischen Zugang zur digitalen Welt ab der 3. Schulklasse

CodeWeek Hamburg – Hier findet die jährliche Auftaktveranstaltung der europäischen CodeWeek statt, bei der Kinder und Jugendliche spielerisch an die Programmierung herangeführt werden.

Fobizz – Bei Fobizz können sich Lehrkräfte selbst auf einem einfachen Weg in digitalen Themen fit machen und erhalten Inspiration und Material für den Unterricht

Girls’ Day deutschlandweit – Initiative für Mädchen in bisher klassischen Männerberufen

Girls’ Day bei erminas – Für 2020 sind bereits alle Plätze vergeben

Komm, mach MINT – Projektlandkarte mit weiteren Angeboten von MINT-Projekten in ganz Deutschland